Donnerstag, 8. März 2012

Alternativen zum Heim: Die Krux mit den Pflege-WGs

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr will durch Fördergeld die Anzahl der Pflege-WGs in Deutschland erhöhen. Doch der Teufel liegt im Detail: Die Gründung einer solchen WG ist und bleibt ein bürokratischer Hürdenlauf, Heimaufsichten und andere Behörden werden den Plan des Ministers nicht überall unterstützen. Und teuer bleibt diese Art der Altenbetreuung auch mit Förderung.
www.bi-daheim.de

Berlin, März 2012. Natürlich wecken Wohngemeinschaft nicht mehr ganz so romantische Assoziationen wie vor dreißig oder vierzig Jahren. Trotzdem soll das Wort Pflege-WG einen Idealzustand skizzieren. Motto: Nicht allein sein und trotzdem seine Ruhe haben können, versorgt sein ohne in einem Heim leben zu müssen. Wünschen sich das nicht alle? Warum dann die massive Kritik an den Plänen des Ministers?
Diese Kritik kreiste zunächst um den Vorwurf, Bahr ginge es nicht um eine bessere Versorgung, sondern ums sparen. Selbst wenn es stimmt, macht das Pflege-WGs nicht automatisch zu einer schlechten Idee. Kein Experte würde schließlich behaupten, dass jene Mittel, die Staat und Sozialkassen für die Altenbetreuung ausreichen, immer effizient genutzt und optimal verteilt werden.

Wesentlich fundierter und überzeugender ist dagegen jene Kritik, die der Pflege-Selbsthilfeverband e.V. geäußert hat (die komplette Stellungnahme finden Sie hier).
„Das Leben in einer WG kann der reinste Horror sein, nämlich dann, wenn einzelne Bewohner sich nicht mögen,“ schreibt der Adelheid von Stösser, Vorsitzende des Verbandes, in ihrem lesenswerten Beitrag. Das mit dem Nichtmögen war ja schon in der Stundenten-WG ein Riesenproblem, möchte man anmerken. Mit dem Unterschied nur, dass es jungen, beweglichen Menschen leichter fällt, sich aus dem Weg zu gehen als älteren, weniger beweglichen.
Zumal es im Normalfall, auch das merkt von Stösser an, in und um die WG viel weniger 'Ausweichflächen' gibt als zum Beispiel in einem Heim.
„Pflege-WGs sind inzwischen zu eimem Markt geworden, der von geschäftstüchtigen Dienstleistern entdeckt wurde,“ schreibt die Vorsitzende des Pflege-Selbsthilfeverbands weiter. „Da diese vergleichsweise wenig Auflagen erfüllen müssen und weniger kontrolliert werden, sind die Handlungsspielräume und Margen verhältnismäßig groß.

Um eine ausreichende rund-um-die-Uhr Betreuung an 365 Tagen im Jahr gewährleisten zu können, bedarf es wenigstens 5 Vollzeitstellen plus einiger Aushilfen. Da sich Gewinne in diesem Bereich nur über Personaleinsparung und untertarifliche Löhne realisieren lassen, wir das Personal sowohl quantitativ als auch qualitativ sehr knapp kalkuliert.“ Zitat Ende.
Den Pflege-SHV erreichen nach eigenen Angaben viele Beschwerden über unhaltbare Zustände in Wohngemeinschaften. Der Verband rät deshalb jedem, der den Einzug in eine Pflege-WG plant, sich die Verhältnisse vor Ort vorher genau anzusehen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist auch: Einer der ambulanten Dienstleister, die im Fokus der aktuellen Berliner Betrugsvorwürfe stehen, ist auf die Betreuung in Wohngemeinschaften spezialisiert......

Pflege-WGs werden häufig gegründet, weil sie rechtlich betrachtet keine Heime sind und deshalb nicht die strengen Anforderungen an stationäre Einrichtungen erfüllen müssen. Doch die Abgrenzung ist schwierig. Im vergangenen Jahr hatte das Verwaltungsgericht Kassel die Schließung einer großen Pflege-WG durch das Land Hessen für rechtens erklärt. Begründung, sinngemäß: Zweck der WG war nicht, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu bescheren, sondern den Bewohnern eine pflegerische Vollversorgung zukommen zu lassen.

Genau das ist aber Zweck eines Heims. Und um die Jahre 2003 und 2004 hatte es in Baden-Württemberg eine ganze Reihe von WG-Schließungen gegeben. Mit harter Hand hatten damals Aufsichtsbehörden die Bestimmungen des Heimgesetzes durchgedrückt. Nach dem Motto: Alles, was nur im entferntesten wie ein Heim wirkt, muss sich auch so nennen und sich den entsprechenden Regeln unterwerfen.
Ziel der harten Gangart war es, verkappte Pflegeheime zu entdecken und schwarze Schafe auszusortieren.

So verständlich und richtig dieser Ansatz ist: Die sehr strengen Regeln machen nicht nur Geschäftemachern das Leben schwer, sondern auch Privatleuten, die sich zusammentun, um selbst eine Pflege-WG zu gründen. Die Anträge sind kompliziert, man wird auch in Zukunft Fachwissen brauchen, um erstens die vielen Regeln einhalten zu können und um zweitens an die von Daniel Bahr in Aussicht gestellten Fördergelder zu kommen.
Schließlich: Wohnen mit gesicherter Versorgung ist auch in einer WG kein preiswertes Vergnügen. Zwar springt das Sozialamt ein, wenn Rente plus Geld von der Pflegekasse zusammen nicht reichen. Das gilt aber nicht unbegrenzt. Wäre beispielsweise ein Leben des Betroffenen im Heim für das Sozialamt billiger, dann kann dieses Amt den Zuschuss für das WG-Leben auf exakt jenen Betrag begrenzen, den das Amt bei Heimunterbringung bezahlen müsste. Unter Umständen ist dann aber das – hoffentlich schöne – WG-Leben nicht mehr bezahlbar.
Auch diesen Punkt gilt es vor Gründung einer eigenen Wohngemeinschaft genau zu bedenken und zu berechnen. Damit nicht irgendwann der Zwangsumzug ins Heim ansteht. Fälle, in denen es so gelaufen ist, gibt es zuhauf...
(lix)